Amira® Magazin  » Artikel durchsuchen  » Apothekenübernahme und Personalmangel – „So habe ich mir die Selbstständigkeit nicht vorgestellt“

Apothekenübernahme und Personalmangel – „So habe ich mir die Selbstständigkeit nicht vorgestellt“

in Beruf & HV 169 Kommentare 1.569 Views

(Foto: privat)


Von Deniz Cicek-Görkem

Seit einem Jahr führt Abdullah Tümer die Anker-Apotheke in Duisburg-Neudorf. Er liebt seine Arbeit und möchte auch wachsen, doch er hat ein grundsätzliches Problem, wie vielerorts in Apotheken: Personalmangel. Deswegen kommt er allmählich an seine Grenzen. Besonders verärgern ihn die überzogenen Gehaltsvorstellungen mancher Bewerber. Wir haben uns zum Interview verabredet, in dem sich Tümer offen selbstkritisch zeigt.

Herr Tümer, wie kam es dazu, dass Sie Apotheker geworden sind?

Anfangs war ich bei der Bundeswehr und wollte eigentlich Medizin studieren. Doch dann habe ich festgestellt, dass ich kein Blut sehen kann und habe mich dazu entschieden, in Marburg das Pharmaziestudium aufzunehmen. Nach meiner Approbation bin ich in meine Heimatstadt zurückgekehrt und habe in Duisburg als Angestellter und später als Filialleiter gearbeitet.

Sie sind erst Anfang 30 und bereits Apothekeninhaber. Kam dieser Schritt nicht etwas zu früh?

Ich würde mich als ehrgeizig bezeichnen. Mein Traum war es nach dem Studium, eine eigene Apotheke zu haben. Das ist nun seit einem Jahr der Fall.

Doch von der Anfangseuphorie scheint nicht mehr viel übrig zu sein…

Ja, leider. Es gibt Wochen, da stehe ich 36 Stunden am Stück in der Apotheke, nämlich dann, wenn wir Notdienst haben. Ich bin schließlich der einzige Apotheker, es führt kein Weg daran vorbei. Gerne möchte ich jemanden einstellen – nicht nur um mich zu entlasten, sondern auch, um zu wachsen. Aber das hat bisher nicht geklappt.

Warum nicht?

Ich habe extreme Schwierigkeiten, geeignetes Personal zu finden, obwohl ich für Stellenanzeigen viele Kanäle nutze, auch Instagram. Bisher habe ich nur PKA einstellen können. Es melden sich zwar Apotheker, aber die wollen 40 bis 50 Prozent übertariflich bezahlt werden. Das kann und will ich nicht. Aber das ist nicht das einzige, was mich stört.

Fahren Sie fort.

Es wäre ja verständlich, wenn diese Gehaltsvorstellungen gerechtfertigt sind. Doch das sind sie in meinen Augen nicht, und zwar bei weitem nicht. Neulich hatte ich zum Beispiel einen Apotheker beim Bewerbungsgespräch. Er hatte in Syrien eine Apotheke geführt und wollte in Deutschland dann sein Apothekerzeugnis anerkennen lassen. Er sprach weder ausreichend Deutsch, noch verfügte er über ausreichende Gesetzeskenntnisse. Ich finde es unangemessen, dann ein Gehalt in dieser Höhe zu fordern. Ich finde es auch befremdlich, wenn er als Apotheker sagt, dass er Rezepturen generell nicht anfertigen möchte, wenn eine PTA vor Ort ist. Meiner Meinung nach sollte ein Apotheker genauso gut die Aufgaben einer PTA beziehungsweise PKA übernehmen können, ohne ein hierarchisches Denken an den Tag zu legen.

Warum befremdlich? PTA sind doch für Sie als Inhaber kostengünstiger.

Apothekern mit dieser Einstellung fehlt meistens der Teamgedanke. Es geht doch auch darum, Verantwortung zu übernehmen. Warum sollen denn nur PTA in die Rezeptur? Jeder Apotheker sollte prinzipiell wissen, wie Rezepturen hergestellt werden. Dazu sind wir ausgebildet. Und auch sie sollten mal in der Rezeptur herstellend tätig sein.

Wie wirkt sich der Personalmangel auf Ihren Arbeitsalltag aus?

Es ist natürlich frustrierend. Zudem geht es auf die Gesundheit, die ich nicht aufs Spiel setzen möchte. An manchen Tagen fehlt einem schlicht die Energie. So habe ich mir die Selbstständigkeit eindeutig nicht vorgestellt.

Und wie sehen Ihre Zukunftspläne aus?

In ein bis zwei Jahren, wenn ich älter bin, hoffe ich, dass sich die Situation etwas bessert.

Wie meinen Sie das?

Nun, ein weiteres Problem, das mir auffällt, ist der fehlende Respekt im Umgang miteinander. Mir ist bewusst, dass ich mit 31 Jahren ein junger Chef bin. Manchmal ist es schwer, den Respekt von älteren Mitarbeitern zu erhalten. Ich wünsche mir, dass man sich zumindest auf Augenhöhe begegnet. Je älter und erfahrener ich werde, desto einfacher wird es dann hoffentlich. Um also auf Ihre Frage vorhin zurückzukommen: Ja, es war vermutlich ein Stück weit zu früh, mein eigener Chef zu werden. Doch ich werde nicht so schnell aufgeben.


Vielen Dank für Ihre Zeit!


Dieser Artikel wurde veröffentlicht am 08.09.2020.


** ** ** ** ** ** **

Du bist Apotheker*in, PhiP, PTA oder PKA und möchtest die AMIRA-Welt in vollem Umfang nutzen? Dann melde dich hier an und werde ein Teil der AMIRA-Welt! Lade deine Berufsurkunde einfach hoch und erhalte regelmäßig deine AMIRA-Box sowie wertvolle Informationen für deinen Alltag!

Kommentare

169 Kommentare