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Als PTA in der Zytostatika-Herstellung: „Du machst das eine Woche, dann hörst du auf“

in Rezeptur & Gesundheit 164 Kommentare 1.073 Views

Von Deniz Cicek-Görkem

In der Zytostatika-Herstellung zu arbeiten erfordert große Disziplin und Konzentration. Beatrice Adler ist in diesem Bereich als Pharmazeutisch-technische Angestellte (PTA) tätig. Den Sprung dorthin trauten der heute 35-Jährigen nicht mal ihre Eltern zu.


Hallo Beatrice. Du bist gelernte Physiotherapeutin. Jetzt stellst du Zytostatika her. Wie das?

Ich wusste schon immer, dass ich in die Gesundheitsbranche gehöre, aber nicht genau, wohin. Nach der Schule habe ich dann erstmal Physiotherapeutin gelernt, bevor ich mit 26 Jahren schließlich die PTA-Ausbildung begann. Mein Wunsch war es aber stets, im Labor zu arbeiten. Dieses Ziel habe ich erreicht. Heute stelle ich im Reinraum einer Apotheke nur Zytostatika her.


Wie sehen deine Arbeitskleidung und dein klassischer Arbeitstag aus?

Zytostatika können nur im Reinraum der Klasse A hergestellt werden. Die Anforderungen und Schutzbestimmungen sind sehr hoch. Nach außen und nach innen sind wir abgeschirmt. Bevor ich anfange, muss ich meine Kleidung wechseln. Im Labor trage ich dann wasserabweisende Unterbekleidung, Haube, Mundschutz, Handschuhe, Overall und andere Schuhe.




Beatrice Adler ist seit 2013 PTA. Nach vier Jahren im HV und der Verblisterung wechselte sie 2017 zur Arkana Apotheke OHG Leipzig, wo sie derzeit Zytostatika herstellt. 2019 belegte sie bei der Wahl zur „PTA des Jahres“ Platz fünf. Ende dieses Jahres möchte sie sich zur Fach-PTA für Onkologie weiterbilden. (Foto: privat)


Je nach Arbeitsplan fange ich frühestens um 3, spätestens um 6 Uhr in der Früh an. Wir sind immer zu zweit im Reinraum, man muss sich auf den Kollegen oder die Kollegin verlassen können. Um 7 Uhr kommt der Bote, bis dahin müssen die Bestellungen fertig sein. Vormittags telefonieren die Apotheker mit den Ärzten. Dann kann es schonmal vorkommen, dass spontan Therapien hergestellt werden müssen. Zwischen 12 und 13 Uhr mache ich dann Feierabend. In der Woche arbeite ich 35 Stunden.


3 Uhr Dienstbeginn hört sich nicht nach einer klassischen Apotheken-Tätigkeit an.

Ja, da ist was dran. Als ich das meinen Eltern gesagt habe, haben sie mich ungläubig angeschaut. „Du machst das eine Woche, dann hörst du auf“, waren sie sich sicher. Zur Schulzeit war ich schließlich ein Langschläfer. Am Wochenende oder in den Ferien kam es schon mal vor, dass ich bis 12 Uhr im Bett lag. Um für die Arbeit fit sein zu können, gehe ich heute meist schon um 21 Uhr schlafen. Man muss den Alltag entsprechend strukturieren, was nicht immer ganz leicht ist.


Vor allem mit einem Sohn...

Ich arbeite immer in der Frühschicht, daher geht es halbwegs. Während der Corona-Zeit haben wir uns mit Freunden, die eine Tochter haben, gegenseitig unterstützt. Mein Mann musste arbeiten und konnte kein Homeoffice machen. Jetzt ist es zum Glück wieder etwas einfacher geworden.


Warst du in den letzten Monaten von Kurzarbeit betroffen?

Nein. Es gab weiterhin gleich viel zu tun. Die Patienten haben schließlich ein Therapieschema. Wir mussten hoffen, dass wir alles weiterhin herstellen können.


Hoffen?

Unsere Apotheke war damit beschäftigt, Sachen fristgerecht zu bekommen. Desinfektionsmittel, Wirkstoffe, Handschuhe. Den Satz „Hoffentlich kommt die Ware“ habe ich in meinem bisherigen Berufsalltag nie so häufig ausgesprochen wie während der Corona-Hochphase. 


Du sprichst das Thema Lieferengpässe an…

Das Problem ist ja, dass man die allermeisten Therapien nicht zwischendurch ändern kann. Wir mussten mehr mit Ärzten, Großhändlern und anderen Apotheken telefonieren als üblich. Mit viel Einsatz haben wir es geschafft, alle Ausgangsstoffe zu bestellen und die Therapien zu ermöglichen. Das war auf jeden Fall ein großer Kraftakt.


Apropos Therapien: Was genau stellst du her?

Die Bandbreite reicht von Tier-Arzneimitteln, Augentherapien, Schmerz- und Antibiotikapumpen, Säuglingstherapien bis hin zu Sondernahrung für ältere Patienten. 


Du leistest eine sehr wichtige Arbeit, denn die Patienten sind auf die Zytostatika enorm angewiesen. Dahinter stehen oft Schicksale. Wie gehst du damit um?

Man rettet Menschen das Leben, das ist definitiv eine hohe Verantwortung. A und O ist eine hohe Konzentration. Du musst geistig und körperlich stets auf der Höhe sein. Den emotionalen Aspekt versuche ich auszublenden, indem ich nicht auf Namen und Alter der Patienten achte. 


Was passiert, wenn dir mal ein Fehler unterläuft?

Das ist natürlich immer möglich. Aber es gibt einen ganz guten Kontrollmechanismus. Drei Apotheker kontrollieren die Herstellung immer. Pro Team prüfen je eine PTA und PKA sowie auch die Ärzte auch nochmal nach. Die Vor- und Endkontrolle und damit auch die Freigabe obliegen dem diensthabenden Apotheker.


Welche Lehren ziehst du aus der Pandemie? Oder ist es dafür noch zu früh?

Die Menschen haben sich für unser Engagement bedankt, das war schön zu sehen. Auch als Kollegen haben wir uns so gut es geht unterstützt, wir sind noch enger zusammengerückt. Das sollten wir auch nach Corona beibehalten.


Vielen Dank für das Interview, liebe Beatrice!

 

Dieser Artikel wurde veröffentlicht am 12.08.2020.

 

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