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„Wir als PTA sollten uns Fridays for Future zum Vorbild nehmen“

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Von Deniz Cicek-Görkem

Gülcan Ergül ist ein richtiges Ruhrpott-Kind. Geboren in Bochum, lebt und arbeitet die heute 29-Jährige in Witten. Sie ist Pharmazeutisch-technische Assistentin (PTA) und gerade dabei, sich ein zweites Standbein aufzubauen. Wir haben mit ihr über ihren Beruf und ihre darüber hinaus gehenden Ideen gesprochen.


Liebe Gülcan, wie kam es dazu, dass du PTA wurdest?

Um ehrlich zu sein, wusste ich im Vorfeld nicht viel über den Beruf. Damals hatte ich in der 9. Klasse ein dreiwöchiges Schulpraktikum in der Apotheke absolviert. Ich hätte nicht gedacht, irgendwann tatsächlich auch in der Apotheke tätig zu sein. Gemeinsam mit drei anderen Freundinnen informierte ich mich und wir fingen die Ausbildung an. Das war eine Art Gruppen-Entscheidung, was es natürlich leichter gemacht hat. Die Welt der PTA habe ich erst danach kennengelernt. Vor sieben Jahren habe ich meine Ausbildung abgeschlossen und arbeite seitdem in öffentlichen Apotheken.


Welche Seiten deines Berufs gefallen dir?

Als PTA hat man einen geregelten Ablauf, aber dennoch ist der Arbeitsalltag bunt. Die Arbeit ist abwechslungsreich, man hat täglich mit verschiedenen Kunden zu tun. Besonders gefällt mir, dass ich ihnen etwas fürs „Leben“ mitgeben kann. Ich mag es, mit Menschen zu reden. Als PTA habe ich jeden Tag die Gelegenheit, mit ihnen ins Gespräch zu kommen.


Inzwischen bist du aber nicht mehr „nur“ als PTA tätig. Was hat dich dazu bewogen?

Nach einer Zeit habe ich festgestellt, dass meine Aufstiegsmöglichkeiten als PTA begrenzt sind und ich zu mehr imstande bin. Letztes Jahr habe ich dann angefangen, Minijobs für PTAs zu vermitteln. Seit Frühjahr 2020 arbeite ich an meinem Projekt. Nun ist meine Website online und nennt sich „Notdienst PTA“. Es profitieren auch Apotheker, die auf der Suche nach einer oder einem PTA sind. Mit diesem Konzept möchte ich mir ein zweites Standbein aufbauen.


Seine Komfortzone zu verlassen, bedarf oft einer großen Motivation.

Ich gebe meine Komfortzone nicht gänzlich auf, aber es stimmt natürlich. Ohne zusätzliche Anstrengung und Motivation wird es schwer, voranzukommen. Das dürfte in den allermeisten Berufen so sein.


Du machst dir auch Gedanken über deinen Beruf und deinen Arbeitsplatz hinaus.

Das stimmt. Dabei bin ich unter anderem zu der Erkenntnis gekommen, dass der Beruf der PTA nicht ausreichend wertgeschätzt wird.


Was lässt dich so denken?

Es ist einfach so, dass sich viele Menschen und selbst Apothekenkunden nicht vorstellen können, was PTAs machen. Der Beruf, die Bezeichnung, die Aufgabengebiete – all das ist weitgehend unbekannt. Das hat sich seit meiner Entscheidung für die Ausbildung nicht geändert.


Hast du einen Lösungsansatz?

Wir brauchen auf jeden Fall mehr Aufklärung und sollten auch präsenter sein, beispielsweise auf Berufsmessen. Was Menschen nicht kennen oder verstehen, schätzen sie auch nicht wert.


Also – „Mehr Aufklärung, mehr Wertschätzung“?

So sieht es aus. Das Gute ist, auch wir PTA können dazu beitragen. Leider sind wir uns nicht bewusst, was wir alles bewirken können. Wir haben das Potenzial, viel ändern zu können. Dazu gehört es auch, sich und Dinge immer zu hinterfragen. Wir sollten unsere Position, das heißt unsere Fähigkeiten und Talente, voll ausschöpfen.


Kannst du das ein wenig konkretisieren?

In Kundengesprächen ist es wichtig, so persönlich wie möglich zu werden, denn hinter jeder Frage steckt auch eine Geschichte. Wenn ein Kunde etwa ein Produkt gegen seine Lactoseintoleranz möchte, spricht nichts dagegen, den einen oder anderen Ernährungstipp zu geben. So kann man einen Kunden auch binden. Wir müssen uns und unserem Beruf ein Gesicht geben.




Foto: Gülcan Ergül


Wie kann die Politik die Berufsgruppe der PTA besser unterstützen?

Der Einfluss der Krankenkassen geht in meinen Augen zu weit, da braucht es neue Regeln. Die Bürokratie muss ebenfalls abgebaut werden. Allgemein kann es nur besser werden, wenn wir uns mehr auf unseren Kern zurückbesinnen, und das ist die Pharmazie. Die Apotheke muss lauter werden, es reicht nicht, Kritik untereinander zu äußern. Ich will hier jedoch nicht als Nörglerin und Skeptikerin wahrgenommen werden.


Sondern?

Ich möchte nur betonen, dass jede und jeder Einzelne etwas bewegen kann. Wenn jeder einen Schritt geht, sind es insgesamt mehrere Kilometer. Denken wir nur an Greta. Was ein Mädchen alles erreicht hat, ist Wahnsinn. Wir sollten uns Fridays for Future zum Vorbild nehmen.


Fehlt es da nicht an konkreten Aktionen, die auch öffentlichkeitswirksam sind?

Wie wäre es, wenn wir für ein paar Stunden die Gratiszugaben einschränken oder die Umschau nicht mehr abgeben? Aber dafür müssen alle Apotheken an einem Strang ziehen. Und vor allem müssen wir den Kunden erklären, warum wir das tun. Denn es geht nicht nur darum, einen Aufschrei zu verursachen, sondern zu einer echten und nachhaltigen Verbesserung beizutragen.


Vielen Dank für deine Zeit und weiterhin viel Erfolg!

 

Dieser Artikel wurde veröffentlicht am 28.07.2020.

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