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Nach Feierabend: „Mein Mann hat Angst, mich in den Arm zu nehmen“

in Beruf & HV 270 Kommentare 1.623 Views

Von Eva Bahn


Apothekenmitarbeiter kommen derzeit physisch und psychisch an ihre Grenzen. Doch wie gehen sie damit um? Über ihren beruflichen, aber auch privaten Alltag während der Corona-Pandemie haben wir mit Sonja Almir* gesprochen. Die 39-jährige PTA ist in einer kleinen Stadtteil-Apotheke in Mannheim tätig, die auch zwei Altenheime beliefert. Aufgrund der aktuellen Situation arbeitet sie zusammen mit ihren Kollegen im Schichtsystem. Sie sagt, dass es nicht allein die Arbeitsbelastung in der Apotheke sei, die aktuell herausfordernd ist. Auch der normale Alltag fehle im Familiengefüge und das mache es zurzeit doppelt schwer.


AMIRA-Redaktion:
Was belastet dich im Moment besonders?

Sonja: Meine Probleme liegen nicht nur im zusätzlichen Stress, den ich in der Apotheke habe. Auch der Alltag ist alles andere als gewöhnlich. Da wir PTA „systemrelevant“ sind, arbeiten wir ganz normal wie sonst auch weiter, während in anderen Bereichen viele Dinge durcheinanderkommen. Meine beiden Kinder sind nun in der dritten Woche zu Hause und ihnen fällt, wie man sagt, die Decke auf den Kopf. Mein Mann arbeitet nur noch mit verkürzten Arbeitszeiten und kümmert sich um sie, bis ich nach Hause komme und ihn dann ablöse. Doch eigentlich bräuchte ich noch ein paar Minuten Zeit, um nach der Arbeit in der Apotheke erstmal „herunterzukommen“.


AMIRA-Redaktion:
Wie wirkt sich diese Situation auf deinen Alltag aus?

Sonja: Meine Söhne und der Mann schlafen lange, während ich schon frühmorgens das Haus verlasse, um mich in den Apothekenwahnsinn zu stürzen. Wenn ich dann mittags nach Hause komme, dann steht nicht selten noch der Tisch mit den Frühstücksutensilien voll. Hausarbeit? Wäsche? Abwasch? „Was soll ich denn noch alles machen?“, fragt mein Mann. „Du arbeitest doch jetzt zehn Stunden weniger die Woche, das sollte doch ein Klacks sein!“, bekomme ich dann von ihm zu hören. Und dann verschwindet er in seinem Homeoffice-Büro und will bis zum Abend ungestört bleiben.


AMIRA-Redaktion:
Das hört sich nach viel Stress an. Wer erledigt dann alle Dinge außer Haus?

Sonja: Einkaufen, tanken und nötige Behördengänge mache ich auch noch allein, denn mein Mann gehört zur Risikogruppe. An meinem Einkaufstag darf ich dann den Einkaufswagen durch die leeren Gänge schieben. Mehl, Toilettenpapier, Handwaschseife und Hefe sind mir seit Tagen nicht mehr unter die Augen gekommen. Sie sind bis 9.00 Uhr früh meist schon abverkauft. Ich habe mir nun ernsthaft ein Tutorial angesehen, wie man Hefe mit Zucker und Bier selbst herstellt und Toilettenpapier bestelle ich bei einem Bürogroßhandel.


AMIRA-Redaktion:
Weiß dein Partner von deinen Sorgen?

Sonja: Meine Ängste im Alltag kann ich zu Hause nur in beschränktem Maße erzählen. Mein Mann hat aufgrund seiner Vorerkrankungen schon Angst, mich in den Arm zu nehmen, wenn ich aus der Apotheke komme. Daher dusche ich jetzt immer, wenn ich von der Apotheke komme, weil ich eventuell „kontaminiert“ sein könnte. Darauf besteht auch mein Mann. Wenn ich ihm erzählen würde, dass die Kunden zum Teil immer noch in die Hand niesen oder die Finger beim Bezahlen anlecken oder verlangen, dass wir sie in der Sichtwahl am Kosmetikregal direkt bedienen – er würde ausflippen! Ich kann auch nicht erzählen, dass ich täglich in zwei Arztpraxen gehen muss, um die Rezepte abzuholen, die bei uns vorab bestellt wurden.


AMIRA-Redaktion:
Wie gehst du mit dem Kontaktverbot um?

Sonja: Mir fehlen meine Eltern, die in Bosnien leben und meine Freundinnen. Immer nur telefonieren oder skypen ist einfach nicht das Gleiche. Ich hoffe, dass das alles bald ein Ende hat. Denn meine Nerven liegen jetzt schon blank.

 

*Name von der Redaktion geändert


Dieser Artikel wurde veröffentlicht am 20.04.2020.

Kommentare

270 Kommentare
  • Bea62
    Bea62 Im Moment ist alles grad schwierig. Da ich ja auch systemrelevant bin, hat sich an den Arbeitszeiten nichts verändert und somit auch nichts am Gehalt, andere triffts schwerer. Aber wenn ich dann frei habe, steh ich noch früher auf wie normal, damit ich...Mehr
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