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PTA-Schüler im Homeschooling: So geht Lernen aus der Ferne

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Von Deniz Cicek-Görkem

 

Die Schulen sind bundesweit geschlossen, auch die 95 PTA-Schulen in Deutschland sind von dieser Regelung nicht verschont geblieben. Lehrer und Schulen bemühen sich, dass die Schüler nicht zu viel verpassen. Für die PTA-Ausbildung mit vielen praktischen Inhalten dürfte das eine große Herausforderung sein. Wie funktioniert das Lernen aus der Ferne und wie ergeht es den Betroffenen dabei? Wir haben mit Dozentinnen und einer PTA-Schülerin gesprochen.


Lernen mit Video-Konferenzen, Chats und digitalen Arbeitsblättern

Das Coronavirus bestimmt unseren Alltag maßgeblich, Schulen und andere Einrichtungen sind geschlossen, es gibt ein Kontaktverbot. Doch trotz dieser Umstände muss der Unterricht in diesen Zeiten stattfinden. Aber wie? In der Bernd-Blindow-Schule in Mannheim geht der Unterricht weitgehend digital weiter. „Die Schule hat den Vorteil, an die DIPLOMA Hochschule angeschlossen zu sein“, berichtet eine Lehrerin. Damit könnten die virtuellen Klassenräume zum Austausch und Lernen genutzt werden.


Die Lehrer schickten den PTA-Schülern wöchentlich Informations- und Arbeitsblätter sowie Aufgaben aus dem Skript zu, die diese eine Woche nach Erhalt bearbeitet an die Fachlehrer zurückschicken müssten. Die zugesandten Lösungsvorschläge würden anschließend bewertet und benotet. Was ist, wenn sich einzelne Schüler davor drücken, die Aufgaben zu bearbeiten? „Das kann zu Fehlzeiten führen“, sagt sie. Auch Schulleiterin Silke Dittmar bestätigt das: „Die Schüler müssen sich zwingend einloggen und am virtuellen Unterricht teilnehmen. Sonst haben sie Fehlzeiten“. Sie erklärt: „Die Fehlzeiten der Schüler entstehen durch Nichtteilnahme am virtuellen Unterricht oder durch nicht gemachte Hausaufgaben, sogenannte Workloads“. Da die Schüler der Oberkurse kurz vor dem Examen stünden, sei es umso wichtiger, dass keine Stunden ausfallen. „Wir achten sehr darauf, dass wir allen angehenden PTA alle notwendigen Wissensinhalte vermitteln, wie sonst auch“, sagt sie.


Internetverbindung auf dem Land könnte besser sein

Vielmehr als der fehlende persönliche Kontakt beschäftige die Dozentin, dass einige Schüler auf dem Land wohnten und keine gute Internetverbindung hätten. „Zwei PTA-Schüler haben bei uns keinen Computer, der den digitalen Unterricht aus technischer Sicht standhält. Dann gibt es noch solche, die mehrere schulpflichtige Geschwister haben, aber nur einen Computer zu Hause haben“, berichtet die Lehrerin aus Ihrem Alltag. Wenn dann die Eltern noch im Homeoffice arbeiteten und selbst den Rechner brauchten, wäre das eine große Herausforderung. „Dann müssen wir gemeinsam eine Lösung finden“, sagt sie. „Zum Lernen ist ein Laptop zwar optimal, doch die Teilnahme am Klassenunterricht ist auch via Handy möglich“, ergänzt Schulleiterin Dittmar, die unter anderem die Fächer Apoprax, Chemie und Medizinprodukte lehrt.


Praxisaufgaben für Zuhause: Hebarium erstellen und Teedrogen analysieren

Alles in allem sei die Ausbildung sehr theorielastig, sagt die Lehrerin, da praktische Laborarbeiten nicht durchgeführt werden können. Die ein- oder andere praktische Aufgabe könne dennoch umgesetzt werden. „Auch das Backen eines Schokoladenkuchens kann durchaus pharmazeutisch angegangen werden. Die Herstellung von Gummibärchen in der heimischen Küche mittels Gelatine, Zucker sowie Fruchtsaft ist ebenfalls möglich und gleicht beinahe der Herstellung von Gelatinezäpfchen im Labor“. Der Kreativität sei in Krisenzeiten keine Grenze gesetzt.


„Es ist selbstverständlich, dass apothekenrelevante Rezepturen im Labor geübt werden müssen. Was sich aber sehr gut virtuell vorab besprechen lässt, ist die Durchführung, Protokolle oder Rechenaufgaben von Versuchen oder Herstellungen. Denn praktische Fächer müssen durch Praxis erlernt werden“, betont Dittmar. „Botanische Übungen lassen sich auch gut von zuhause aus organisieren. Die Schüler haben Teemischungen mitbekommen und erstellen ihr Herbarium. Außerdem haben wir haben den PTA-Schülern sogar per Post Teedrogen nach Hause zum Bearbeiten geschickt“, so die Schulleiterin.


„Ich vermisse die Schule, den normalen Alltag und sogar den Weg zur Schule“

Einer der angehenden PTA an der Bernd-Blindow-Schule in Mannheim ist Natascha Pace. Sie ist eine 24-jährige PKA, die sich im vergangenen Jahr für eine PTA-Ausbildung entschieden hat, da sie sich schon seit Kindesalter für die Apotheke und pharmazeutische Tätigkeiten begeistert. Zum Lernen unter „Corona-Bedingungen“ sagt sie: „Da man sich alles von zuhause aus selbstständig erarbeiten muss, ist eine große Portion Selbstdisziplin notwendig“.


Ihr Alltag sehe derzeit so aus: „Derzeit habe ich vormittags Unterricht nach dem regulären Stundenplan. An den Videokonferenzen, an denen die ganze Klasse teilnehme, müsse jeder Schüler mitmachen. Allerdings können wir bei Fächern wie Galenik keine praktischen Übungen durchführen. Diese müssen wir dann in den Sommerferien nachholen“, berichtet sie. Am Nachmittag sei sie weiterhin in der Apotheke als PKA in einer kleinen Apotheke in Ludwigshafen tätig. „Ich vermisse die Schule, den normalen Alltag und sogar den Weg zur Schule“, sagt Natascha. Die Corona-Pandemie habe viel verändert: „Man wird aus der Routine rausgeholt und muss sich erst mal daran gewöhnen“.


Lehrerin: „
Das größte Problem ist, dass praktische Übungen nicht durchgeführt werden können“

In Sachsen sieht die Lage nicht viel anders aus. Dort bleiben die Schulen vom 16. März bis einschließlich 17. April 2020 geschlossen, wie auch die Ruth-Pfau-Schule in Leipzig. „Diese Situation ist vor allem für die Abschlussklassen schwierig, die Mitte Juni in die Prüfung gehen wollen“, erzählt Anke Heinig, Apothekerin und Dozentin der PTA-Schule. Das sei auch für die Lehrerinnen und Lehrer eine Herausforderung, aber gleichzeitig auch eine Gelegenheit, Neues zu lernen. „Diese Erfahrungen könnten vielleicht später den „richtigen“ Unterricht bereichern“, erhofft sie sich.


Das größte Problem sei derzeit, dass praktische Übungen nicht durchgeführt werden können. „Stattdessen fokussieren wir uns auf die Theorie, beispielsweise bringen wir den Schülern die Berechnung von Ethanol-Konzentrationen bei“, berichtet die Pharmazeutin. „Die Schüler bekommen von den Fachlehrern Aufgaben zugeteilt und Arbeitsblätter sowie hilfreiche Weblinks zugesendet, die sie dann erarbeiten müssen. Wir kontrollieren und überprüfen die Leistungen und den Lernfortschritt auf verschiedenste Weise, manchmal auch mal mit einem Quiz.“


Die Ruth-Pfau-Schule in Leipzig ist eine staatliche Schule. Der Schulträger stellt den Schülerinnen und Schüler Leihexemplare der wichtigsten Lehrbücher kostenlos zur Verfügung. „Das erleichtert die selbstständige Arbeit sehr“, so Heinig. Jede Klasse habe seit Beginn der Ausbildung eine Klassen-E-Mail-Adresse, über die die Kommunikation ablief. „Zusätzlich nutzen wir Video-Konferenzen oder Online-Portale, auf wir die Aufgaben stellen.“ Sie habe nicht den Eindruck, dass sich die angehenden PTA vor dem Lernen aus der Ferne drücken. „Die Schüler sind aktiv dabei und machen mit“, berichtet die Dozentin aus ihrem Berufsalltag. Sie zitiert eine PTA-Schülerin: „Wir müssen uns jetzt beim Lernen selbst organisieren. Das ist gar nicht so schlecht“. In den Video-Konferenzen werde unter den Schülerinnen und Schülern immer wieder deutlich: „Hoffentlich sehen wir uns nach den Osterferien in der Schule wieder.“

 

Dieser Artikel wurde veröffentlicht am 09.04.2020 und aktualisiert am 14.04.2020.


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Anm. d. Red. (14.04.2020): In der ersten Version des Artikels hieß es sinngemäß, dass für das Lernen im Homeschooling zwingend ein Laptop erforderlich sei. Nach Rücksprache mit der Schulleiterin der Bernd-Blindow-Schule Mannheim können die PTA-Schüler auch mit ihrem Handy am virtuellen Unterricht teilnehmen. Die AMIRA-Redaktion hat dies überprüft und praktisch getestet. Die entsprechenden Textstellen wurden deshalb angepasst.

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