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Arbeiten während der Corona-Krise: „Haben Sie die Umschau?“

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Von Sarah Fahnert


Die Corona-Krise fordert uns alle. Wir wissen, dass Apotheken in dieser Zeit viel leisten. Doch geteiltes Leid ist halbes Leid. Aus diesem Grund liest du hier einen Gastbeitrag von einer PTA aus einer kleinen Vorstadt-Apotheke in Baden-Württemberg. Sie berichtet aus ihrem derzeitigen Berufsalltag. Da sie unerkannt bleiben will, haben wir ihren Namen geändert.


Arbeiten im Schichtsystem

Mein Tag beginnt früh. Zurzeit arbeiten wir im Schichtsystem, das heißt wir sind in zwei Teams aufgeteilt, um uns im Fall der Fälle nicht gegenseitig anzustecken. Für unsere kleine Apotheke in der Vorstadt bedeutet das, dass immer nur zwei oder drei Personen gleichzeitig da sind. Eine Kollegin wechselt sich mit dem Chef im Homeoffice ab, so bleiben wir besser in Kontakt. Während der Arbeitszeit werden alle Telefonate auf die Person im Homeoffice umgeleitet, die dann von zuhause aus Bestellungen annimmt, die sie dann auch direkt bearbeitet. Diese können dann mittels der Apothekensoftware bei einer Person „abgelegt“ werden, die gerade physisch in der Apotheke steht. Bei ihr blinkt dann ein „Parken“-Symbol auf und sie erkennt, dass eine Bestellung angenommen wurde. 

 

Wir sind auch Seelsorger

Zum Teil leistet die Kollegin im Homeoffice teilweise seelsorgerische Arbeit, denn die Kunden sind aktuell besorgter denn je. Da wir nur zu zweit arbeiten, komme ich etwas früher in die Apotheke, um die Ware noch zu bearbeiten bevor wir öffnen. Mit dem deutlich gestiegenen Kundenaufkommen ist es gleichzeitig sonst nicht möglich, Bestellungen zu erledigen oder den Automaten mit Arzneimitteln zu füllen. Morgens, wenn ich dann allein in der Apotheke stehe, versuche ich die Stille bewusst zu empfinden. Ich bereite mich innerlich auf einen anstrengenden Tag vor. Mit dem Eintreffen meines Chefs öffnen wir die Apotheke. Meistens stehen schon zwei Kunden vor der Türe. Showtime!

 

Meine Hände schwitzen: Handschuhe sind nervig!

Wir haben ein Kundenleitsystem etabliert, bei dem immer nur zwei Personen gleichzeitig den Verkaufsraum betreten dürfen. Die mittleren Kassenplätze sind stillgelegt. Die anderen Kunden müssen so lange draußen auf Abstand warten. Wir bedienen mit Spuckschutz und Handschuhen. Ich empfinde besonders die Handschuhe als störend. Ich schwitze darin und wenn sie durch das viele Tippen einreißen, bekomme ich die neuen aufgrund meiner schwitzigen Hände kaum noch übergezogen. Ich bin daher dazu übergegangen, gleich zwei Paar übereinander zu ziehen.

 

So habe ich in über 20 Jahren noch nie gearbeitet

Eigentlich bin ich ein wenig erkältet und mein Hals kratzt, aber in der jetzigen Situation versuche ich jedes Husten zu unterdrücken. Derzeit kommt das nicht gut an. Mein Problem ist nur, dass ich nicht mal für einen kleinen Schluck Wasser nach hinten gehen kann und auch keine Zeit habe, mir ein Bonbon auszuwickeln. Die Kundenschlange vor der Apotheke wird nicht kleiner. Am Ende des Vormittags werde ich genau dort stehen, wo ich meinen Tag begonnen habe, denn der Kundenstrom reißt nicht ab. Von 8.30 Uhr bis 13.00 Uhr stehe ich also ununterbrochen im HV, beruhige, berate und beliefere. Kein Wasser, keinen Kaffee, kein Frühstück. Ich merke, dass mein Nervensystem belastet ist, denn ich werde immer ruppiger.

 

Inkontinenzberatung mit benutzter Windel: Das hat noch gefehlt

Eine Kundin möchte eine umfassende Inkontinenzberatung. Sie hat in der letzten Woche ein paar Muster von uns mitbekommen und legt mir eine Höschenwindel in die Durchreiche unseres Spuckschutzes. Ein unangenehmer Geruch zieht mir in die Nase – die Windel ist benutzt. „Die hier hatte genau die richtige Größe. Ihre Kollegin hat gesagt, dass ich sie mitbringen soll, damit sie wissen was sie mir bestellen sollen. Haben sie von dieser Marke noch andere Ausführungen? Die würde ich auch gerne noch ausprobieren.“ Gemeint hat meine Kollegin sicherlich, dass sie die Umverpackung mitbringen soll. Ich bitte die Kundin, die Höschenwindel wieder einzupacken und vertröste sie auf morgen. In der Mittagspause werde ich ihr nochmals Proben zusammenstellen, aber bestimmt nicht jetzt. Als sie geht, bitte ich den nächsten Kunden kurz draußen zu warten und desinfiziere den Arbeitsplatz. Dafür einen Moment zu warten, ist für niemanden ein Problem.

 

Kunden amüsieren sich über den Spuckschutz

Der nächste Kunde lacht über unseren Spuckschutz und spuckt dabei kleine Tröpfchen gegen die Plexiglasscheibe. Ich kann ihm auf diese Weise immerhin anschaulich demonstrieren, warum der Schutz nötig ist. Der etwa 80-jährige multimorbide Kunde ist extra vorbeigekommen, um sich die Umschau abzuholen. Ich möchte ihn am liebsten schütteln, damit er den Ernst der Lage begreift.

Auch die nächste Kundin zeigt sich amüsiert über die neuen Plexiglasscheiben. Um zu eruieren, wie stabil sie sind, klopft sie mit dem Fingerknöchel dagegen. Etwa in der gleichen Höhe, in der der vorherige Kunde seine „Spucktröpfchen“ hinterlassen hat. Ich bitte sie, sich die Hände zu desinfizieren.

 

Herzkrankes Baby braucht Kapseln – Wann soll ich die denn herstellen?

Die nächste Kundin blickt mich verzweifelt an. Wir seien nun die dritte Apotheke, die sie nach der Entlassung ihrer herzkranken neugeborenen Tochter aus dem Krankenhaus aufsuche. Sie hat eine Rezeptur über Kapseln in der Hand. Wie soll ich das jetzt auch noch schaffen? Ich atme kurz durch und schließe die Augen. Die Kundin hat noch für zwei Tage Kapseln aus der Klinik mitbekommen. Ich beschließe, morgen einfach noch eher in die Apotheke zu kommen, um die Rezeptur herzustellen. Denn ich fühle mich körperlich und auch geistig nicht in der Lage, auch noch die Mittagspause durchzuarbeiten. Die Mutter ist sehr dankbar. Ich stelle meinen Wecker morgen so, dass ich um 6:30 Uhr schon in der Apotheke sein kann.

 

Wir haben keine Zeit für den Dekorateur!

Der nächste Kunde ist mir bekannt. Es ist ein Dekorateur, der mir jetzt gerade seine Schaufenstergestaltung präsentieren möchte. Ich gelange an die Grenzen meiner Höflichkeit, als ich ihn bitte, das nächste Mal vorher anzurufen. In Anbetracht der Lage scheint es mir nicht verwerflich, wenn wir unsere Schaufenster noch zwei oder drei Wochen einfach so lassen, wie sie sind. Sind Dekorateure eigentlich systemrelevant?

Auch wenn wir gerade weniger Stunden arbeiten, als bei uns vertraglich geregelt sind, leisten wir dafür deutlich mehr. Unserem Chef ist das glücklicherweise bewusst und er zieht in dieser Zeit niemandem Minusstunden ab. Nicht jeder denkt so. Ich kann nur jedem raten, sich genau zu merken, wie jetzt mit ihm oder ihr umgegangen wird, denn in Krisenzeiten zeigt sich der Charakter der Menschen besonders deutlich.

Liebe Kolleginnen und Kollegen: haltet durch und bleibt gesund!

 

Dieser Artikel wurde veröffentlicht am 26.03.2020.


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